13.06.13

Scholz & Friends bringt Emmi Logik bei ...


Den entscheidenden Satz sagt der Schauspieler Peter Fischli:
«Das het's bi euis früener nöd geh – isch aber genau so fein wie früener.» («Das hat es bei uns früher nicht gegeben – es ist aber genau so fein wie früher.»)

Mit anderen Worten:
Was es früher gar nicht gab, ist heute genau so fein wie damals.
Grüsse nach Absurdistan!

Apropos:
Im Briefing für die Werbeagentur Scholz & Friends hiess es unter anderem: Der Spot soll nicht zu kreativ sein, damit ihn die Ziel­­gruppe versteht.

Ok, ok, ich gehöre wohl doch nicht zur Zielgruppe ...

15.09.12

Die Bünzlis* von Ernst & Young.

Für den Zürcher Kunst-Event → «Art and the City», vom 09.06. bis 22.09.2012 an verschiedenen Standorten in Zürich-West, hatte die 41-jährige Genfer Künstlerin → Joëlle Flumet einen Blech-Schriftzug gestaltet, der aus den Worten «Quality In Everything We Did» besteht. Angebracht wurde er an einem der alten Industrie­gebäude im Maag-Areal, in dem während des Events die «Kunstnische K3» unter­gebracht wurde:


Offensichtlich war der Schrift­zug von der Künstlerin nicht ganz zufällig so gewählt und gestaltet worden, denn im Haus direkt gegenüber dem Kunstwerk logiert die Schweizer Nieder­lassung der Wirtschafts- und Unter­nehmens­beratung Ernst & Young.
Und nun mussten die armen Kerle dort Tag für Tag aus ihren Büros heraus diesen Schriftzug der Künstlerin anschauen und sich zwangs­läufig fragen, wo denn der Unter­schied liegt zwischen

und

Wahrscheinlich haben sie dann ja wohl schon beträchtliche Unter­schiede festgestellt und unter sich und sich selbst beraten, was man gegen diese freche Provokation tun könnte.

Und die schlauen Jungs sind – wie nicht anders zu erwarten – natürlich fündig ge­worden. Sie haben nämlich erkannt, dass eine eklatante Verletzung ihres Marken­rechts vor­liegt, weil der kluge Satz «Quality In Everything We Do» Bestandteil ihres Firmen-Logos ist, und «Quality In Everything We Did» viel zu nahe dran ist — in Wort und Gestaltung.
Selbstverständlich haben die smarten Boys interveniert und zwar bei der Besitzerin der Liegenschaft, an der der Schriftzug der Künstlerin befestigt war. Und deshalb ist er dann auch abmontiert worden — allerdings erst rund eine Woche vor Ende des Kunst-Events. Das hat die Bünzlis* von Ernst & Young sicher ein bisschen gewurmt.
Aber Hauptsache, ihre «Qualitäts»-Welt ist jetzt wieder in Ordnung.
__________
* Bünzli ist ein schweizerisches Synonym für Spiessbürger.

05.03.12

Der feige Fürst.

In Liechtenstein, im «Ländle», hatte 2011 eine Volksinitiative («Hilfe statt Strafe») die Legalisierung der Abtreibung in den ersten 12 Wochen einer Schwangerschaft gefordert – analog zur Rechtslage in den Nach­bar­staaten Österreich und Schweiz.
Erbprinz Alois, der «amtsausführende Stellvertreter» und Nachfolger des Landesfürsten Fürst Adam II. kündigte daraufhin an, das Gesetz nicht zu unterzeichnen, auch wenn es in der Volksabstimmung ange­nommen werden sollte – was dann nicht der Fall war; die fürstli­che Drohung hatte nämlich die erhoffte Wirkung entfaltet.
Der Regent stützte sich dabei auf die liechtensteinische Verfassung von 1921 (leicht revidiert 2003), wonach Volksabstimmungen selbst bei Zustimmung durch die Mehrheit des Volkes zwingend auch der Zustimmung des Landesfürsten bedürfen (Art. 112 der → Verfassung des Fürstentums Liechtenstein).

Daraufhin haben Bürger mit vertieftem Demokratie-Verständnis in Liechtenstein jetzt eine weitere Volksinitiative lanciert («Ja - damit DEINE Stimme zählt»), die dieses Vetorecht des Fürsten abschaffen will (→ Demokratiebewegung in Liechtenstein).
Das Fürstenhaus widersetzt sich natürlich auch dieser Initiative und äussert sich auf zwei Wegen:
  • «Wenn das Initiativkomitee aber die Verfassung ohne Zu­stim­mung des Fürsten­hauses ändern möchte, ist eine Volks­initiative nach Art. 64 der Landesverfassung der falsche Weg. Ein solches Bestreben kann nur durch eine Volksinitiative nach Art. 113 der Landesverfassung erreicht werden» (→ Pressemitteilung vom 09.02.2012). N.B.: Eine Volksinitia­tive nach Artikel 113 hätte aus­schliess­lich die Abschaffung der Monarchie zum Thema; und dagegen hätte der Fürst dann auch kein Vetorecht.
  • Das Fürstenhaus bezeichnet die gegenwärtige Regierungs- und Staatsform als «Dualismus», auch wenn es in Tat und Wahrheit reiner Monismus ist, ausgeübt durch das Fürstenhaus. Wenn das Volk diesen «Dualismus» aber nicht mehr wolle, «dann möchte das Fürstenhaus auch keine politische Verantwortung mehr übernehmen und sich mit einem klaren Schnitt gänzlich aus dem politischen Leben in Liechtenstein zurückziehen. Denn der Name Liechtenstein ist zu eng mit dem Fürstenhaus verbun­den, als dass nicht auch weiterhin das Fürstenhaus mit der Politik Liechtensteins in Verbindung gebracht würde. Als Fei­gen­blatt einer nicht mehr vom Fürstenhaus getragenen Politik möchte das Fürstenhaus aber nicht dienen. Solange das Volk jedoch die jetzige Staatsform des Dualismus beibehält, wird sich das Fürstenhaus nach bestem Wissen und Gewissen für die Geschicke des Landes einsetzen» (→ Thronrede von Erbprinz Alois am 01.03.2012).
Mit anderen Worten: Das Fürstenhaus «droht» damit, sich in diesem Fall aus der Politik und wohl auch aus dem «Ländle» zurückzuziehen. Schlimm, nicht?
Was für ein Demokratie-Verständnis im 21. Jahrhundert, was für ein Geschichts­bewusstsein, was für eine Anmassung — und was für ein Kommunikations-Stil!

Da sind ja die Engländer längst viel weiter:
Nach der Magna Charta (1215) etablierte sich dort peu–à-peu die parlamentarische Monarchie. Zwar brauchte es auch noch die Schlacht bei Lewis, um den damaligen Heinrich III. endgültig von der Demo­kratie zu überzeugen. Aber seit König Eduard (1274) war das dort endgültig kein Thema mehr.

Ob auch das liechtensteinische Fürstenhaus mehr Säbelrasseln braucht?
Immerhin ist die Ähnlichkeit dieser beiden Herren ja frappant, und beide kämpfen gegen die Demokratie und gegen ihr eigenes Volk (oben Erbprinz Alois, unten Assad von Syrien) — feige sind beide:



01.02.12

Das Kleingedruckte auf dem Grossbildschirm.



Jeder mündige Konsument weiss, dass ein * irgendwo in einem Text auf potenziell einschränkende Rahmenbedingungen eines an sich lauter anmutenden Versprechens hindeutet und somit Vorsicht geboten ist.

In seiner unnachahmlichen, prägnant artikulierenden Art zeigt uns in diesem Spot Carlos Leal, der Schweizer Schauspieler und Rapper, also zunächst den Geschwindigkeitsunterscheid zwischen DSL (gemeint ist natürlich Swisscom DSL, wie sich aber erst gegen Schluss heraus­stellt) und UPC Cablecom beim Surfen. Und dann kommt der Ein­blen­der: «Bis 5x schneller surfen als mit Swisscom DSL*».
Der Stern verweist auf die vier sehr kleingedruckten Zeilen unten auf dem Bildschirm.

Leicht irritiert habe ich mein Metermass aus der Werkzeugkiste geholt und die Breite meines Bildschirms an der Unterkante gemessen: 82 Zentimeter. Mit Extrapolieren habe ich ausgerechnet, wie breit mein Fernseher unten sein müsste, damit ich aus einer Sitzentfernung von ca. vier Metern dieses Kleingedruckte einigermassen bequem lesen könnte. Das Result: etwa 12 Meter. Dann ergäbe dies erst eine 10-Punkt-Schrift. Leider bleibt der Text nur rund zwei Sekunden einge­blendet.

Immerhin, die ersten paar Wörter konnte ich lesen: «Gilt nur in Nieder­bipp am 29. Februar.» Gut, vielleicht täusche ich mich, aber Sie können es ja selbst nachlesen, falls Sie das schaffen.

Es kommt übrigens hinzu, dass solche Geschwindigkeiten unnötig sind für Durchschnittsanwender, die nur Webseiten anschauen und Mails empfangen oder versenden. Wer nicht aufwendige Online-Games spielt oder sogenanntes Cloud Computing betreibt, unter Benutzung von im Internet geparkten Programmen mit «Software as a Service» (SaaS), braucht das gar nicht.
Wenn nämlich Webseiten langsam laden, liegt das meistens an der Überlastung gewisser Netzknoten im Internet selbst — und darüber kann uns leider auch Carlos Leal mit seinem Sturm nicht hinweghelfen.

19.01.12

Der namenlose «Teppichdoktor».

Auf Lokalfernseh-Stationen wird öfter mal wieder dieser TV-Spot gezeigt:


Also:
«Dafür steh ich mit meinem Namen!» Dumm nur, dass der Teppich­doktor seinen Namen hier gar nicht preisgibt.
Und der aufblitzende Zahn, der mehr an obskure Zuhälter aus dem letzten Jahrhundert erinnert, ist leider auch nicht gerade Vertrauen erweckend ...

(Schon seltsam, was sich Leute, die mit unserer Kultur nicht sehr ver­traut sind, von irgendwelchen Werbeheinis so auf­schwatzen lassen.)

07.01.12

Erst ausgekläfft, dann für dumm verkauft.



Geht es Ihnen beim Radiohören auf UKW auch so, dass die schönsten Arien immer wieder durch Hundegebell unterbrochen werden? Dieses überaus lästige Phänomen wird in einem der Digitalradio-Spots von MCDT (Marketing and Consulting for Digital Broadcasting Techno­logies), einem Unternehmen der SRG SSR, aufs Treffendste drama­tisiert.

Die nette Dame mit dem kläffenden Dackel hat sich schon so daran gewöhnt, dass sie keinen Versuch unternimmt, ihrem Waldi bessere Manieren beizubringen und den frustrierten Berater endlich zu Wort kommen zu lassen.

Echt aus dem Leben gegriffen!
Spass beiseite: Störende Nebengeräusche sind so ziemlich das aller­letzte Argument, das für Digitalradio sprechen könnte. Die thematische Herleitung ist derart an den Haaren herbeigezogen, dass der Spot an Peinlichkeit kaum zu überbieten ist.

Vielleicht kann es aber dieser MCDT-Spot doch noch toppen. Er wirbt ebenfalls für das Digitalradio:


Diese Berater kann man nämlich sowieso vergessen. Sie stammen offensichtlich von einem anderen Stern.
(Schön für den Maskenmann, dass schon bald wieder Fasnacht ist! Judihui!)

04.10.11

Swissfruit, Swissmedic et al.

Eigentlich ist es durchaus verständlich, dass in einem Staat mit vier Landessprachen linguistisch oft nach einem gemeinsamen Nenner gesucht wird, um Positionierungen zu schärfen. Immer häufiger wird dabei in der Schweiz auf eine fünfte Sprache zurückgegriffen, auf das Englische nämlich. Ab und zu geht das ganz ordentlich in die Hose.

Die kreativ geschälten Kartoffeln in den TV-Spots mit dem Absender kartoffeln.ch gefielen mir auf Anhieb. Irgendwann habe ich dann mal die Web­site besucht und dort gelesen, dass die Bran­chen­organisation der Kartoffelwirtschaft in Wirklichkeit swisspatat heisst. Originell, nicht? Denn im Süden Hollands heissen die Erdäpfel tat­sächlich patats und angeblich im Kreolischen ebenfalls.

Dass sich der 1911 gegründete Schweizer Obstverband (SOV) mit dem Label Swissfruit ziert, drängt sich dem TV-Publikum auf. Es soll auch Swissmilk trinken, findet die Organisation der Schweizer Milchprodu­zenten (SMP).
Bis 2002 existierte auch die Swiss Dairy Food. Möglicherweise ist sie gescheitert, weil landesweit praktisch kein Mensch wusste, was das Wort «dairy» bedeutet. Milchwirtschaftsnahrungsmittel: doofer gehts ja gar nicht mehr.

Jedenfalls scheint selbst bei Firmen, die vorwiegend oder ausschliess­lich den schweizerischen Binnenmarkt bedienen, das Attribut «Swiss», gekoppelt mit einem anderen englischen Wort, eine zentrale Rolle zu spielen.
Da gibts zum Beispiel die Swissmint, die der eidgenössischen Finanzverwaltung unter­stellte Münzenprägeanstalt, die mit 18 Perso­nen dafür sorgt, dass in der Schweiz immer genügend Kleingeld zirkuliert (ca. 17’000 t sind es im Moment). Es wäre nicht abwegig, bei swissmint.ch einen Verband der Schweizer Pfefferminzpastillen-Hersteller zu vermuten; aber dem ist eben nicht so.

Interessant ist auch → swissferret.ch, eine Website, die sich auf sympathische Weise an Frettchenliebhaber wendet. Aber das wirft natürlich die Frage auf, ob sich das «swiss» auf exportfähige Schweizer Frettchen bezieht oder auf die Nationalität der Sitenutzer. Die Domain­namen swissdog und swisscat sind jedenfalls noch erhältlich.

Die URL → swisssecurity.ch hats mir auch angetan. Dort wollte ich mich informieren, wie es um die Sicherheit in der Schweiz ganz allgemein steht, aber es handelt sich um eine Firma, die z.B. anlässlich der Bechtelisparty in der Konvikthalle Frauenfeld für Ruhe und Ordnung sorgt und nebst «AGB’s» mit Apo­stroph auch einen CEO hat. Eine englische Version der Website gibt es nicht.

Das vom lateinischen medicus abgeleitete englische Wort medic be­zeichnet (etwas salopp, zugegeben) einen praktizierenden Arzt oder einen Medizinstudenten. Die paramedics sind geschulte Leute (in der Regel aber ohne Ärztepatent), die etwa unterwegs zur Notfallaufnahme in Ambulanzen lebensrettende Massnahmen einleiten und auch Defi­brillatoren bedienen können. Medics sind also keine Pillen, sondern Menschen.
Umso erstaunlicher ist es, dass sich das Schweizerische Heilmittel­institut «swissmedic» nennt. Irgend­wie ist das eine Fehlleistung, wie damals die noch von der PTT eingeführte Taxcard, die einem in der Telefonkabine das lästige Suchen nach (schon damals von der Swissmint geprägten) Münzen erspart. Der Namensgeber war sich vielleicht nicht vollends bewusst, dass Engländer und Amerikaner automatisch eine Assoziation mit der Steuer­behörde herstellen.

Tief blicken lässt auch die URL → swiss-german-club.ch, denn sie ver­deutlicht, dass den Schweizern und Deutschen tatsächlich die gemein­same Sprache fehlen muss. Und so ist es naheliegend, in der URL vorsorglich mal auf Englisch zurückzugreifen, damit gleich sämtliche Klarheiten beseitigt werden.

Noch eine Notiz zum Kürzel CEO, das bei swisssecurity hängenblieb: Früher gab es ja Direktoren oder sogar Generaldirektoren. Sie bezogen nur selten goldene Fallschirme (ich kenne zwar einen: einen Volldepp mit Vornamen Heinz) oder Boni und ihre Firmen hatten Personal­abteilungen. Das ist natürlich längst völlig anders heute. Ich wette, dass die Krankenkassenprämien unter anderem deswegen stetig steigen, weil die Bezüge der CEOs und COOs und CFOs ins Astrono­mische gehen. Aber immerhin können wir uns darauf verlassen, dass es wie bei den ungemein florierenden Grossbanken die besten Kräfte der Branche sind, die hier schalten und walten und eventuell bald wieder Dividenden einführen.
Man könnte meinen, dass hr-swiss.ch mit Personalvermittlungs­diensten ebenfalls dazu beiträgt, aber es handelt sich «nur» um einen Dachverband.

Übrigens: Unter → personal-swiss.ch findet man die Botschaften der Veranstalter der jährlich wiederkehrenden Fachmesse für Personalmanagement. Das englische Wort personal bedeutet ja: persönlich; Personal [das; -s] wäre personnel oder eben human resources (wen kümmerts, dass das nach humanen Ressourcen klingt). Also ist es ein bisschen schwierig, die Sprachrege­lung zu erkennen. Wenn eine englische Zeitung eine Rubrik «Personal(s)» hat, dann finden sich dort Kontakt-, aber keinesfalls Stellenanzeigen. Das erinnert möglicherweise an den Aufbruch ins Zeitalter des Personal­computers, wie der PC zu Beginn irrtümlicher­weise genannt wurde.

Wer schon je in einem amerikanischen Gebäude mit öffentlich zugänglichem Erdgeschossatrium gewesen ist, kennt diese gelben Warnschilder mit der Aufschrift «Caution! Wet Floor». Das ist versicherungstechnisch unerlässlich, wenn eine Reinigungsequipe den Marmorboden nass aufnimmt. «Obacht! Der Fussboden ist glitschig» würde das ungefähr heissen. Ich habe schon beobachtet, dass solche Schilder wochenlang stehen gelassen werden, weil ja die Besucher auch bei trockenem Boden auf die Schnauze fallen könnten, und so sind allfällige Millionenklagen auf Schadenersatz zum vornherein entkräftet.
Als ich dann im Internet die URL → swisscaution.ch entdeckte, wollte ich natür­lich umgehend wissen, ob die Firma Schilder herstellt oder Gebäude reinigt. Sie macht beides nicht, sondern vorfinanziert Mietzins-Garantien, die in der Ostschweiz auch Depots oder Kautionen genannt werden. Doch «caution» ist in der Westschweiz der unbestritten gängige Begriff dafür. Garantie de loyer heisst das auch noch. Interessant ist die Wortkons­truktion deswegen, weil «swiss» aus dem Englischen kommt und «caution» hier aus dem Französischen. Das eröffnet ganz neue Pers­pektiven. Swissôtel gehört übrigens auch in diese Kategorie.

Ganz anders als erwartet kommt die Website → swisswater.com the­matisch daher. Genau genommen gehts um kanadisches Wasser, bzw. überhaupt nicht um in Flaschen abgefülltes Nass. Lassen Sie sich überraschen!
Nicht überraschend ist das Thema bei → swiss-meat.com, einer Website, die von Proviande, der Branchenorganisation der Schweizer Fleischwirtschaft, aufgelegt wird. Schweizerfleisch.ch wäre halt so unsäglich lang. Seltsam ist ja immerhin die Endung .com, weil swissmeat.ch noch frei wäre.

Zum Schluss noch ein Wort zum Thema vermeintliche Verstösse gegen das Marken- und Wappenschutzgesetz. Als Beispiel bietet sich → swissmeats.com an. Die Domain gehört der Swiss Meat & Sausage Company in Swiss, Missouri, die mit etwa 15 humanen Ressourcen (Abk.: hr) der grösste Arbeitgeber in diesem Weiler an der Highway 19 ist.
Es ist kaum anzunehmen, dass die Metzgerei Fleisch aus der Schweiz importiert, aber in diesem Fall ist das auch unerheblich, weil Swiss hier ja keine Herkunftsbezeichnung ist, sondern der Ortsname. Man stelle sich vor, es gelänge, etwa in Rumänien eine Ortschaft mit dem Namen Swiss zu gründen. Das könnte enorme Auswüchse verursachen, die vielen Anwaltskanzleien mindestens ein Jahrhundert lang Vollbe­schäftigung bescheren würden. Es gibt übrigens in West Virginia, North Carolina und Wisconsin drei weitere amerikanische Ort­schaf­ten, die Swiss heissen.

24.09.11

«Wer erfolgreich erwacht,
ist später ins Bett gegangen.»
Unterschrift: Simon Ammann, Skispringer
Gegenzeichnung: Bank Julius Bär


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Nun, wirklich ein herausragender Spruch von Ammann, den die Bank flugs so zu interpretieren versteht:
«Simon Ammann ist dafür das beste Beispiel. Als vierfacher Olympia­sieger weiss er, dass einem einzigen Sprung Monate akribischer Arbeit vorausgehen. Auch im Private Banking hat nur Erfolg, wer viel­schichtige Abläufe aufeinander abstimmt und unaufhörlich an den besten Lösungen feilt. Da kann die Nacht schon mal zum Tag werden.»

Doch, doch, die Banken und ihre Werbeagenturen (hier Jung von Matt/Limmat) werden laufend kreativer. Es ist schon fast beängsti­gend. Die einen engagieren Deppen (→ Clientis), die anderen eben Dünnbrett-Springer.

Wie hatte doch Boris Collardi, CEO der Bank Julius Bär, vor gut einem Jahr gesagt: «Ich freue mich auf die Zusammenarbeit mit Simon Ammann. Er ist trotz inter­nationalem Erfolg im Spitzensport als Mensch authentisch und bodenständig geblieben. Er passt als Sympathie­träger zu unserem noch stärker auf die Bedürfnisse der Kundschaft ausgerichteten Auftritt in der Schweiz.»

Oh ja, sein Spruch ist extrem authentisch und bodenständig. Und «Swiss made» sowieso.

Ich hätte da noch einen weiteren sinnreichen Spruch, den Amman gelegentlich absondern und Bär gegenzeichnen könnte: «Wer früher stirbt, ist länger tot.» Der ist wenigstens nicht ohne Logik.

Springer, bleib bei deinen Brettern!

15.09.11

Bankwerbung für Deppen.

Jedes Mal, wenn diese Werbung läuft, bin ich fassungslos: der Clientis-Haltestellenspot im missglückten Charlie-Chaplin-Look. Er könnte auch «Der Wortspiel-Depp und die kühle Blonde» heissen:


Man muss sich den Ablauf auf der Zunge zergehen lassen:
Eine Bank steht an einer Bushaltestelle. Ein Depp schickt sich an, dort Platz zu nehmen (um auf den Bus zu warten, mutmassen wir), fragt aber höflich die kühle Blonde, die schon dort sitzt, ob er sich hinsetzen darf. Sie sagt, ziemlich zickig: «Isch ja e Bank», steht abrupt auf, und steigt in den Bus. Der Depp setzt sich hin und wartet – wie ich es mir ausmale – auf den nächsten Bus, der wohl erst wieder zur gleichen Zeit am Tag darauf vorfahren wird, und salbadert wie entrückt: «Tipptoppi Bank!»

Es ist schon jenseitig hyperkreativ, wie diese Werbung die Doppel­bedeutung des Wortes Bank ausreizt. Vorstellbar, dass der verantwort­liche CD irgendwo an einem Oktoberfest nach ein paar Mass plötzlich gemerkt hat, dass das Modell zum Drauf­sitzen gleich heisst wie das Modell für den Geldverkehr. Der geniale Einfall des Jahrzehnts!

Dass die Banker aber nicht draufgekommen sind, dass so ein Depp jetzt bei den Zuschauern als der erwünschte Clientis-Musterkunde rüber­kommt, erschüttert mich fast noch mehr als der Spot selbst.

10.09.11

Schawinski – Abschaltknopf inkl.

Es waren nur gerade 115’000 Zuschauer, die Roger Schawinski am 22. August zuguckten, als er auf SF1 seine erste Talkshow startete – ein Marktanteil von knapp über 18 Prozent. Ein bisschen wenig, ange­sichts der durch saftige Vorankündigungen hochgepushten Erwartun­gen.
In der Sendung, die Schawinskis Talkshow vorausgegangen war, hatte man noch 73’000 Zuschauer mehr verzeichnet (insgesamt also über 20 Pro­zent); und jene Sendung war das Wirtschaftsmagazin «Eco». Bei Schawinski ging es ja auch um «Economy» – so hatte man wenigstens gehofft, denn der Privatbankier Konrad Hummler war sein erster Gast.
Aber es drehte sich ja nicht wirklich um Wirtschaft und Banking, sondern um Schawinski, der in den 27 Minuten in einem Affentempo die Fragen herunterspulte, zu denen er von Hummler gern mehr gehört hätte, wenn denn bloss Zeit zum Zu­hören geblieben wäre.

Eine Woche später war Wirtschaft scheinbar erneut das Thema, dies­mal mit dem Unternehmer und Nationalrat Peter Spuhler. Der Markt­anteil der Sendung stieg leicht an, lag aber immer noch unter 20 Pro­zent und blieb damit die einzige SF1-Sendung zwischen 18 und 23 Uhr, die von weniger als 20 Prozent der Zuschauer gesehen wurde.

Schawinski zum Dritten: Obschon es schwierig sei, in der Schweiz spannende Frauen zu finden (wie er der Zeitschrift «Annabelle» anvertraut hatte), hat er am 5. September Karin Keller-Sutter einge­laden, die Regierungsrätin aus St. Gallen. Sie hat den Draufgänger mit diplomatischen Antworten ordentlich aus der Fassung gebracht, so dass er schliesslich sagte: «Ich lade Sie nicht mehr ein, Sie beant­worten keine Fragen!»
Aber die meisten Zuschauer hatte das längst schon nicht mehr inter­essiert. Der Markt­anteil war auf wenig mehr als 17 Prozent abgesackt, ein Rekordtief.

Offensichtlich hatten die Leute nämlich rechtzeitig den Abschaltknopf auf ihrer Fernbedienung betätigt, was ihnen Schawinski und die TV-Designer ja schon in Sende-Logo und -Möblierung nahe­gelegt hatten:




Denn dieses Ein-/Ausschaltsymbol entspricht dem Standard 60417 der IEC (Inter­national Electrotechnical Commission) und ist heutzutage praktisch auf jeder Fern­bedienung zu finden:

Wahrlich, ein meisterhaft platziertes Schawinskisches Eigengoal.

04.09.11

Die allgemeine Wetterlage.

Der Name Swisscanto hat mich schon immer fasziniert. Er würde gut zu einer a-capella-Gruppe passen, aber über all die Jahre hinweg ist jedermann zumindest dieses klar geworden: Er hat mit nicht näher spezifizierten Anlage- und Vorsorgelösungen zu tun.

Seit langem wird auf SF1 die Wetterprognose eingeleitet mit dem Intro «Nun folgt Meteo, mit Swisscanto Vorsorgelösungen». Mehr bringt man in einen 8-Sekunden-Sponsoring-Spot einfach nicht rein:


Aber weder Sandra Boner noch die anderen Wetterleute auf dem Leutschenbach-Dach erwähnen Vorsorgelösungen auch nur mit einem Wort.

Und im Outro heisst es dann wieder «Das war Meteo, mit Swisscanto Vorsorgelösungen»:


Der Zuschauer, der erwartungsvoll auf Wetter plus Vorsorgelösungen eingestellt war, ist verdutzt und gezwungen, Swisscanto zu googeln.
Meist reicht dann aber die Zeit vor dem Tatort nicht wirklich, und zwei Minuten später ist die Sache ohnehin vergessen.

Es gibt übrigens eine Variante des Spots, der mit «Swisscanto ... für passende Lösungen» endet. Das ist natürlich für den Zuschauer sehr aufschlussreich, denn in der Regel sind Lösungen ja unpassend.

29.08.11

Es bleibt nur Leere.


Weil wir zu Hause, wenn wir Leute zum Essen einladen, den Käse selbstverständlich auch in der wiederverschliessbaren Verpackung herumreichen, konnte ich mich quasi verzugslos mit dem Leerdammer-Spot identifizieren:


Da sitzen also vier Leute an einem Tisch und der sichtlich verärgerte Gastgeber, die leere Verpackung wedelnd, fragt die Runde: «Wer hat eigentlich die letzte Scheibe vom neuen Leerdammer genommen?» Ist ja logisch, dass er Anspruch auf die letzte Scheibe hat. Wehe, einer der Gäste wars!
Zum Glück hatte die Ehefrau beim Shoppen geistesgegenwärtig eine Reservepackung gekauft. «Schau mal: es hat ja noch», sagt sie beschwichtigend und bietet die perfekte Dramaturgie für einen weiteren Packshot – so, wie es in repräsentativen Schweizer Haushalten üblich ist.

21.08.11

Mein Bier, dein Bier.

Seit das Bier vor Abertausenden von Jahren irgendwo im heutigen Nahen Osten erfunden wurde, ist allgemein bekannt, dass die Brauereien ein Riesenproblem vor sich hinwälzen: ihre Produkte haben einen bitteren Nachgeschmack.

Feldschlösschen hat endlich das Problem gelöst und macht die Konsumschweiz mit diesem Werbespot darauf aufmerksam:


Der Hauptakteur mit dem geflegten Viertagebart in der lockeren Kollegenrunde am Tresen sagt etwas, das ich so interpretiere: «Das Bier trifft bi tüüfe Temperature o-o-optimal», ganz eindeutig mit der Betonung auf der ersten Silbe von «optimal».
Ich kann den Akzent nicht orten, er ist jedoch penetrant. Der anfänglich verunsicherte Zuschauer hört dann aber ein breites «wobi-i-i» ... und weiss alsdann, dass die Szene kaum in Bratislava gedreht worden sein kann.

Es ist zu vermuten, dass alle anderen Brauereien in der Schweiz das Nachgeschmacksproblem auch werden lösen und kommunizieren müssen.

20.08.11

«Orangina» hat mir auch schon besser geschmeckt als jetzt in diesen TV-Spots.

Hier zwar auf Englisch (die deutschsprachigen Versionen, die jetzt bei uns laufen, sind nicht verfügbar), aber der Offtext spielt sowieso keine Rolle.

Die Bilder sagen ja alles:


«Orangina» trinken? Das war einmal!

Und sie mischt es ihrer Wäsche bei:


Was mich besonders erstaunt: Für diese und andere (ebenso schräge) «Orangina» TV-Spots wurde der Pariser Werbeagentur Fred & Farid 2010 der «Palmarès Ipsos de la Pub · Television» zugesprochen.

13.10.09

Neuausrichtung der NZZ? Die Redaktion tut sich intern schwer damit.

Im September hat die «Neue Zürcher Zeitung» ihr Erscheinungsbild geändert. Das ist bekannt und wurde auch reichlich kommentiert.

NZZ früher ...
NZZ heute ...

Weniger bekannt ist, dass die Redaktion der NZZ sich offenbar intern recht schwer tut mit der zukünftigen Ausrichtung ihrer Zeitung:

Während Chefredaktor Markus Spillmann im Medieninformationsdienst → «Persönlich» (09.07.09) noch mit der Aussage zitiert wurde: «Die starke Chronistenpflicht der letzten 20 Jahre sei ein Auslaufmodell», hält nun Auslandchef Martin Woker im hauseigenen Magazin → «NZZ Folio» (10/09) mit der Meinung dagegen, die Zeitung wolle «an der Chronistenpflicht festhalten: Wenn man in fünfzig Jahren die NZZ von heute zur Hand nimmt, muss man erfahren können, was in der Welt passiert ist.»

Sind wir damit Zeuge eines Generationenkonflikts (Woker, geboren 1953; Spillmann, geboren 1967) oder einfach eines redaktionsinternen ‹Power Games› (Woker, Ressortleiter seit 2009; Spillmann, Chefredaktor seit 2006)?

Es scheint jedenfalls, dass Woker eher zu den Medien-Ewiggestrigen gehört. Denn ob sein heutiges Blatt in 50 Jahren überhaupt noch zur Hand genommen werden kann, dürfte bei dieser Einstellung gegenüber der Leserschaft von heute doch eher fraglich sein. Mit einem blossen Facelifting – und so sieht die «Neuausrichtung» der NZZ bisher leider aus – werden schon die allernächsten Jahre ganz schön schwer werden für das innerlich weiterhin recht runzelige Blatt.

08.08.09

Kann KIA nicht kalkulieren?

Eigentlich wäre es ja ganz einfach: Der Käufer zahlt das Fahrzeug in drei Raten ab – ein Drittel beim Kauf, ein weiteres Drittel nach 12 Monaten und das letzte Drittel nach weiteren 12 Monaten.
Doch KIA führt uns die simple Rechnung so vor Augen:


Ins Bild klicken, um die Anzeige vergrössert zu sehen.

Oups! Ein Drittel beim Kauf, zwei Drittel nach 12 Monaten und nochmals drei Drittel nach 24 Monaten?
Der Käufer hat also nach zwei Jahren sechs Drittel gelöhnt, das Doppelte von dem, was er sich vorgestellt hatte. Das machen die 0% Zins dann auch nicht mehr attraktiver ...
Dabei wäre die korrekte Darstellung doch so einfach und schnell verständlich gewesen:



04.06.09

Die Sache mit der Ironie.

In Krisenzeiten macht Schweiz Tourismus («MySwitzerland.com») jetzt in Anzeigen anscheinend auf lustig – auf der einen Zeitungsseite dies:

«Wir tun alles,
damit Ihre Frau weniger Zeit mit Shopping verbringt.»

Gleich daneben auf der anderen Zeitungsseite dann das:

Ins gewünschte Bild klicken, um es vergrössert zu sehen.

Die vielleicht (?) bloss ironisch gemeinte Headline dürfte allerdings ins Auge gehen. Denn wie zum Beispiel schon 2006 auf einem Symposium der Österreich Werbung festgehalten wurde: «Bei der Bestimmung des Urlaubsziels und der Planung von Ferien gelten Frauen als Hauptentscheider. Touristische Marken- und Marketingkampagnen sollten dementsprechend die Wertewelt dieser ‹Zielgruppe› treffen.»

Sicher nicht ironisch meint es dagegen «der wegen seiner gekauften Doktortitel bereits vorbestrafte Übersetzer» (Beobachter 17/2000) Jean-Paul Rochat mit seiner Anzeige in der NZZ (15.04.2009) unter der Rubrik «Dienstleistungen» (sic!):

Ins Bild klicken, um es vergrössert zu sehen.

Laut «NZZ-Folio» (09/2003) ist er ja «der Einzige, der offen zugibt, dass er sich die Ernennung zum Honorarkonsul mit grosszügigen Geschenken erkauft» habe. «Mit dem Einsatz einer Viertelmillion Franken, sagt der Mann, der sich auch gern mit dubiosen Ehrendoktortiteln schmückt, sei es ihm gelungen, Bestallungsschreiben und Diplomatenpässe von Kamerun, Nigeria, Äquatorialguinea und den Komoren zu ergattern. Doch – zu seinem Leidwesen – fehlt ihm das Exequatur der Eidgenossenschaft, die offizielle Zulassung, seine Ämter in der Schweiz auch auszuüben. Somit geniesst er auch keine Privilegien wie Immunität. Das selbstgebastelte CC-Schild an seinem Wagen musste Rochat auf Geheiss des Dorfpolizisten wieder abmontieren.»

In Küsnacht ZH stehen allerdings überhaupt keine Gemeinderatswahlen an, aber Prof. Dr. multi Rochat, Honorarkonsul multi, der sogar ein bisschen Latein kann («in spe»), bringt sich raffiniert vorzeitig ins Gespräch – wenigstens in das an den Stammtischen. Tja, man muss ich eben «in fremden Sprachen verständlich machen» können, auch in der Sprache der Demokratie, «damit kein Wort falsch ausgelegt» wird.

11.03.09

Ein Totlach-Trio zum 1. April:
Sunrise – Frifag – ricardo.ch

30 Sekunden Sunrise



«Wer zuletzt lacht, lacht am besten.»
(Volksmund)
Scherzkekse im Hintergrund: → SFLB · Spillmann - Felser - Leo Burnett



20 Sekunden Frifag



«En Guete! – Bon appétit! – Buon appetito!»
Scherzkekse im Hintergrund: → Ruf Lanz



3½ Minuten ricardo.ch



«Humor ist, wenn man trotzdem lacht.»
(Otto Julius Bierbaum [alias Martin Möbius] 1865-1910)
Scherzkeks: → Guy Landolt («Trio Eden»)

14.02.09

Organspender gesucht · Teil I
In der Schweiz: amtlich, trocken
und ziemlich erfolglos.

Die Schweiz belegt in der europäischen Statistik der (verstorbenen) Organspender seit Jahren einen der allerhintersten Plätze mit gerade mal 10,7 Spenden pro Million Einwohner (p.m.p.) im Jahr:

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Quelle 1 [Quellenangaben  unten]: Europarat (Rot-Auszeichnung von Filou)

Am 1. Juli 2007 ist das Transplantationsgesetz von 2004 in Kraft getreten, an dem seit 2001 Bundesrat und Parlament gearbeitet haben. Es ist das erste Bundesgesetz der Schweiz zu diesem Thema.

Anzumerken ist, dass das Gesetz ein bisschen halbherzig ausgefallen ist, weil in der Schweiz nun nämlich nur denjenigen Verstorbenen Organe entnommen werden dürfen, die mit einer Spendenkarte (oder deren Angehörige) ausdrücklich zugestimmt haben; «(erweiterte) Zustimmungslösung» genannt. Eine vergleichbare Regelung haben auch Dänemark, Deutschland, Griechenland, Grossbritannien, Serbien, Niederlande, Rumänien, Türkei, Weissrussland.
Demgegenüber gibt es die «(erweiterte) Widerspruchslösung», wonach allen Verstorbenen Organe entnommen werden dürfen, sofern keine Dokumente von ihnen (oder Aussagen der Angehörigen) vorliegen, in denen dies ausdrücklich untersagt wird. Diese Regelung gilt unter anderem in Luxemburg, Österreich, Polen, Portugal, Slowakei, Slowenien, Spanien, Tschechien, Ungarn – was die zum Teil erhöhten p.m.p.-Werte einiger dieser Länder erklärt.

Das Bundesamt für Gesundheit hatte nun keine bessere Idee, als 2007 einige Artikel des neuen Gesetzes an die Plakatwände zu kleben:

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Als 20-sekündiger TV-Spot wird den Zuschauern der Artikel 8 des Gesetzes nochmals vor Augen geführt, hinterlegt von einer stocknüchternen Nachrichtenstimme, die dazu auffordert, sich zu informieren.

2008 wird nachgedoppelt mit reichlich kryptischen Ich-Ich-Du-Plakaten und einem gleichermassen rätselhaften 20-Sekunden-TV-Spot:

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Und was hat das gebracht? Wen wunderts: so gut wie nichts.

Zwar schreibt Swisstransplant in ihrem Statistik-Bericht für 2008: «Die Zahlen von 2008 mit insgesamt 90 Leichenspendern (11,8 Spender pro Million Einwohner), ein Plus von 12.5% im Vergleich zum Vorjahr, lässt die Hoffnung aufkommen, dass der negative Trend der letzten zwei Jahre zumindest gestoppt werden konnte» (Quelle 2 [Quellenangaben unten]), aber angesichts der aufwändigen bundesamtlichen Informationskampagne ist ein Anstieg von 10,7 auf 11,8 p.m.p. mehr als kläglich und vermutlich bloss eine statistisch nicht relevante Schwankung.
Hingegen heisst es dort weiter: «Mit einer Zunahme um 12,6% auf 1544 Patienten im 2008 ist die Warteliste so gross wie noch nie zuvor. Damit bestätigt sich leider auch die erhöhte Sterberate auf der Warteliste der letzten Jahre mit aktuell 62 verstorbenen Patienten, gegenüber 50 im Vorjahr (+24,0%).»
Mit anderen Worten: Mehr Patienten denn je sind gestorben, weil sie nicht rechtzeitig ein Spendenorgan erhalten konnten. Und die Schweiz reiht sich weiterhin unter den Organspender-Schlusslichtern ein.

Die Schweizer Medien haben diese Ende Januar 2009 von Swisstransplant publizierten Daten übrigens entweder gar nicht oder dann nur so nebenbei weiterverbreitet – obschon es sich doch um alarmierende Fakten handelt. Aber wahrscheinlich hatte sie niemand so richtig darauf aufmerksam gemacht. Swisstransplant machte Public ohne Relations sozusagen.

Swisstransplant heisst die Schweizerische Nationale Stiftung für Organspende und Transplantation. Schon ihr esoterisch anmutendes Mystery-Logo irritiert; man kann nur ahnen, dass sich darin viel Tiefsinn verbirgt, aber Emotion stellt sich beim Betrachten halt keine ein.
Auf der im übrigen dürftig bestückten → Website listet Swisstransplant ihre Aufgabe kurz und knapp so auf:
  • Nationale Organzuteilungsstelle
  • Koordination der Transplantations- und Spendeaktivitäten in der Schweiz
  • Information und Sensibilisierung der Öffentlichkeit und des Spitalpersonals
  • Archivieren und Erstellen von Statistiken
  • Förderung der internationalen Zusammenarbeit

  • Merke: Information und Sensibilisierung der Öffentlichkeit, das hiesse Sensibilisierung in der Wahrnehmung: Steigerung der Reaktionsbereitschaft und psychische Sensibilisierung: gesteigerte Empfindungsfähigkeit, höhere Empfindsamkeit.

    Eine schöne Aufgabe, aber wo bleibt ihre mutige und kraftvolle Umsetzung?

    Abgesehen von den paar spitzfindigen Diskutanten, die sich weiterhin an der Frage ereifern, ob der Hirntod tatsächlich das finale Ende sei, und abgesehen von der Inbrunst einiger religiöser Extremisten, die sich nur ganzheitlich in ihr Jenseits transferiert sehen wollen: Dass nach ihrem Tod ihre Organspende ein anderes Leben retten könnte, dafür wären bestimmt viele Schweizerinnen und Schweizer zu begeistern und zu gewinnen.
    Man müsste es ihnen bloss ergreifend genug nahebringen. Andernorts geht das ja auch (und ausnahmsweise sei das hier mal aufgezeigt, siehe Teil II).



    Quellen:
    1 - Europarat: Transplant Newsletter Vol.13 No.1, September 2008
    (Europäische und internationale Transplantations-Statistik 2007, English)
    → PDF
    2 - Swisstransplant: Preliminary Statistics 2008
    (Schweizer Transplantations-Statistik 2008, Deutsch)
    → PDF

    Organspender gesucht · Teil II
    In Schottland und in den
    Niederlanden: engagiert, emotional
    und äusserst erfolgreich.


    Schottland:

    Der von der renommierten schottischen Werbe- und Medienagentur → «The Union Advertising Agency» kreierte TV-Spot «Kill Jill» (der Titel lehnt sich an das filmische Gewalt-Epos «Kill Bill» von Quentin Tarantino an) hat 2008 in Schottland zu beträchtlichem Aufruhr geführt. Bei der britischen Werbeaufsichtsbehörde ASA («Advertising Standards Autority») gingen mehrere Klagen ein, und die schottische Regierung wurde aufgefordert, den Spot zu verbieten. Das Gesicht des Mädchens namens Jill hat sich den Schotten jedoch eingeprägt:

    Off-Stimme, übersetzt: «Möchten Sie es Ihren Organen erlauben, ein Leben zu retten? Sie haben 20 Sekunden, um dies zu entscheiden. — Jill killen, Ja oder Nein? Falls Nein: Registrieren Sie sich und retten Sie ein Leben!»

    Die ASA verfügte lediglich, dass dieser Spot nicht in Kinderprogrammen gezeigt werden dürfe, um die kleinen Zuschauer nicht zu verschrecken. Und die schottische Regierung zeigte Rückgrat, indem sie das umstrittene Mittel mit dem vornehmen Zweck heiligte: 108’000 Spenderinnen und Spender aus Schottland hätten sich nämlich ins zentrale britische Spendenregister eingetragen (etwas, das der Schweiz übrigens fehlt), womit die Spendeneinträge aus dem restlichen Grossbritannien gleich um 300% übertroffen worden seien.

    Niederlande:

    Entrüstung gab es 2007 auch in den Niederlanden schon bei der Ankündigung dieser «Reality Show» durch den TV-Sender BNN: Drei nierenkranke Menschen zwischen 18 und 40 Jahren würden auftreten und auf die Spendenorgane der 37-jährigen unheilbar krebskranken Lisa hoffen, die nicht mehr lange zu leben habe. Wer von den dreien Lisas Nieren bekommen solle, würden die Zuschauer entscheiden und könnten am Ende der Sendung per SMS darüber abstimmen.

    Noch bevor diese Sendung ausgestrahlt wurde, musste sich bereits das niederländische Parlament damit befassen; und eine gerichtliche Verbotsklage wurde abgewiesen.

    1,2 Millionen Menschen haben sich die Show dann angesehen (N.B.: zweitbeste BNN-Einschaltquote aller Zeiten!) – die aber ein Bluff war, wie erst kurz vor Schluss klargestellt wurde:
    Das Ganze war inszeniert. Zwar waren die drei Patientinnen und Patienten tatsächlich nierenkrank, wussten aber, worum es bei der Show ging, nur die angeblich krebskranke Lisa war eine kerngesunde Schauspielerin. Aber schon während der Sendung hatten sich 12’000 Menschen an eine Spendennummer gewandt, um sich als Organspender anzumelden.

    Obwohl es auch hier aus konservativen Kreisen Kritik hagelte, lobten die niederländische Regierung und der Verband der niederländischen Nierenpatienten die aussergewöhnliche Sendung, weil es ihr gelungen sei, der Bevölkerung das Problem hautnah aufzuzeigen.

    Fazit:

    Für Schweizer Verhältnisse sind das schottische und das niederländische Beispiel wahrscheinlich doch etwas zu heftig. Dennoch könnten das Bundesamt für Gesundheit und Swisstransplant emotionaler und damit entschieden wirkungsvoller kommunizieren. Statt auf die Plakatwände dröge Gesetzestexte und geheimnisvolle Botschaften zu kleben – nur so als Ideen-Skizze (wenn es denn schon Plakate sein sollen):

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    P.S.
    Filou trägt natürlich eine Organspenden-Karte auf sich. Und dies nicht erst seit gestern.